(K)ein Drama in 5 Akten. Versuch einer Interpretation
I. Akt, Exposition
Die handelnden Personen (48 Schülerinnen und Schüler der 12. Jahrgangsstufe mit den Kurslehrkräften Deutsch) werden eingeführt, ein dramatischer Konflikt BAHNt sich angesichts des gewählten Fortbewegungsmittels nach Weimar an. Die reibungslose Zugfahrt im Äußeren kontrastiert die wachsende innere Spannung auf die Exkursionsinhalte.
II. Akt, Steigende Handlung mit erregendem Moment
Das Goethe-Schiller-Denkmal am Nationaltheater wirft seine buchstäblichen Schatten auf die Gruppe und metaphorisch auf die zentralen Figuren des folgenden Programms. Das Neben- und Miteinander der Protagonisten der Weimarer Klassik soll in drei Gruppen in wechselnder Reihenfolge in Goethehaus, Schillerhaus, Goethe-Nationalmuseum und einer Sonderausstellung zu Faust I & II erforscht werden. Das Loslösen der Gruppenzuteilung von der üblichen Kurseinteilung rüttelt die Sozialdynamik durcheinander, neue Allianzen und Konflikte deuten sich an.
III. Akt, Höhepunkt und Peripetie
Nach zwei intensiven Stunden haben die im Unterricht besprochenen Inhalte plötzlich ein „Gesicht“: Goethes berufliche Verpflichtungen, Schillers finanzielle Probleme, gemeinsame Arbeitsprojekte wie die Xenien, die vielen „Nebeninteressen“ und Sammlungen Goethes, autographische Notizen, die einen Einblick in den Entstehungsprozess hinter den Werken geben, die naturwissenschaftlichen Entwicklungen der Zeit und ihre Rückwirkungen auf die Literatur werden ebenso greifbar wie „der Mensch hinter dem Werk“. Aus dieser Zusammenschau gewinnen die Exkursionsteilnehmenden neue Erkenntnisse über die inneren Zusammenhänge des aktuellen Abitur-Themenschwerpunkts „Literatur um 1800“ und öffnen sich in dieser Anagnorisis kulturellen Werten. Auch die performative und ästhetische Ebene kommt im Klangraum mit rezitierten Faust-Passagen und Mitmachelementen zur Sprachkunst bei Goethe zum Tragen. Eine Mittagspause leitet die fallende Handlung ein.
IV. Akt, fallende Handlung mit retardierendem Moment
Nach einem „Stationswechsel“ der Gruppen wird nun der jeweils andere Dichterfürst unter die Lupe genommen. Der im zweiten Akt angedeutete Konflikt zwischen Goethe und Schiller erweist sich als produktives Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Arbeitsweisen und Voraussetzungen, wenngleich die gemeinsame Weimarer Zeit nur kurz weilte. Die Kollision von fixer Abfahrtszeit und Laufzeit zum Bahnhof, menschlichen Primärbedürfnissen und Mitteilungswille der letzten Führung eröffnen ein letztes Konfliktfeld.
V. Akt, Katastrophe oder Lysis
In Zug und Anschlusszug angekommen erweist sich die Exkursion als Ausgleich von Pflicht (Schulveranstaltung) und Neigung (schön war’s!), der reibungslose Ablauf führt zu einer Katharsis von Vorurteilen gegenüber der Bahn.
Roland Schnabel







